Piefkes beim Österreicher
08.02.2012 vonFranz

Was sind das nur für köstliche Kartoffeln, die man dort allerorts serviert bekommt? Beim nächsten mal muss ich unbedingt nachfragen, und dass wir noch einmal nach Wien reisen werden, ist so klar wie der Sommerhimmel, unter dem wir 5 Tage in dieser bemerkenswerten Stadt verbringen konnten.
Unendlich viel gäb’s zu erzählen, doch hier soll nur vom Essen und Trinken die Rede sein, nämlich wie ein sich anbahnender kulinarischer Totalausfall schließlich abgewendet und durch ein Highlight mehr als wettgemacht wurde.
Oswald & Kalb in der Bäckerstraße, ein Stück weiter und an der Menschenschlange vorbei, die vor der „Schnitzelmanufaktur“ Figlmüller auf einen Sitzplatz wartet, war das erste Gasthaus, das wir in Wien besuchten.
Es heißt, dies sei legendär als Künstler-Beisel, wo man auch heute noch auf Prominenz und Schillerndes trifft. Wer weiß, wir jedenfalls haben einen Tisch auf der schmalen Terrasse zur Bäckerstraße ergattert.

Meine Rucola-Ravioli mit Eierschwammerl waren nicht schlecht, der Rucola, auf den sie gebettet waren, dagegen dermaßen bitter, dass ich ihn meinen Gästen nicht vorgesetzt hätte. Auch die Zwetschkenknödel haben mich nicht überzeugt, der Teig war fad und gummiartig, nur ein paar Beeren zur Dekoration auf dem Teller, keine nennenswerte Fruchtsauce.
Fad waren auch die gebratenen Zanderfilets und der Spinat.
Köstlich allerdings die Salzkartoffeln.
Ein Lokal, das neben mäßiger Küchenleistung für einen Achtelliter ( 0,125 !!!) Weißwein mindestens 4,90 verlangt und eine 0,7er Flasche Mineralwasser für 5,10 verkauft, kann auf mich als Dauergast nicht rechnen. Auch das Essen ist den Preis nicht wert.
Genauso wenig wie die stolzen 15 bis 20 Euro, die man überall in der Stadt für ein Wiener (Kalb)Schnitzel mit Beilage (gem. Salat oder Kartoffelsalat) verlangt. Irgendwo in Rathausnähe sind wir in einem Restaurant, dessen Name ich zu deren Glück vergessen habe, der Versuchung erlegen.

Mir wurde übel, enttäuscht waren wir beide. Das Fleisch war ultrasuperdünn gewalzt – ich sage 1 mm, meine Frau behauptet knapp 2 – und die fade Panade brachte es locker aufs 6- bis 8-fache des Fleischgewichts. Der gemischte Salat bestand aus teils angewelkten, ganzen Blättern, in der Schale schwappten 2 EL leicht saures Wasser und darauf 2 Tröpfchen Öl.
Aber der Kartoffelsalat war köstlich.

Genug erzählt von schlechter, teurer Kost, schließlich hatten wir dann doch noch das Genießerglück auf unserer Seite.
Schön ist es auch vor der Stadt, zum Beispiel am alten Donauarm in Floridsdorf. Nach einem heißen Tag kann man vom schmalen Schilfrand des Wassers den Paaren zusehen, die in der Dämmerung mit Picknickkorb und Frizzante gerüstet in Ruder-, Tret- oder Elektrobooten auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen auf den See mäandern.

Man kann natürlich auch am Ufer bleiben, zum Beispiel in La Creperie, den sehr leckeren Chardonnay aus dem Weinviertel genießen, dazu eine Geflügelleberterrine mit Salat oder den hervorragend gegrillten Loup de mer, sehr zu empfehlen natürlich auch die köstlichen gefüllten Crepes. Netter Service, kleine Preise, gute Stimmung – ein Sommerabend, wie man ihn sich wünscht.
Das kulinarische Highlight unserer Wienreise bescherte uns Helmut Österreicher in seinem schönen Gasthaus „Österreicher im MAK“. Die Beschreibung „Gasthaus“ trifft nicht so recht die moderne, offene Atmosphäre des großen Restaurantsaales und der schönen Gartenterrasse, wohl aber die kulinarische Absichten des Hausherren – natürlich auf hohem Niveau.
Die Speisenkarte listet links „klassische Wiener Küche“, rechts „moderne Wiener Küche“ auf, mischen possible.
Vorweg zwei kleine Tiegelchen mit einerseits Kräutercreme und daneben Erdnussöl mit geröstetem Nuss-Tomaten-Krokant (?). Bei großer Hitze serviere man lieber das Öl statt zerflossener Butter, erklärt der Herr Ober. Eine schöne Idee, die ich zuhause mit kaltgepresstem Erdnussöl probieren werde. Vielleicht röste ich ein paar Nüsse mit Trockentomaten dazu oder aromatisiere schlicht Schmand mit dem würzigen Öl.
Eine kleine Enttäuschung war der Brotkorb, in dem sich neben leckeren Vollkornscheibchen eine schlichte kalte Semmel breitmachte. Dass er aber durchaus hervorragende Brote backen kann, bewies Herr Österreicher

mit seinem sensationellen Kürbiskernbrot, das er zur Vorspeise reichte.
Ob das Brot zu

den überbackenen Pfifferlingen meiner Frau oder zu meinem Rindfleischsulz gehörte, war uns egal, es passte hervorragend zu beiden Gerichten.
Die Pfifferlinge waren wohl so gut, dass meine Frau sie in nullkommanix verputzte, noch bevor ich auch nur einen Bissen davon kosten konnte. Ich bin ihr jetzt beim Schreiben noch etwas böse, besonders, weil sie später sagte, an den Pilzen sei ein Gewürz gewesen, das sie nicht benennen könne, aber es hätte “den Geschmack wunderbar unterstrichen, usw. usw.” (Verdammt!). Angerichtet war der Teller sehr schlicht, aha, also doch Gasthaus.

Der Rindfleischsulz thronte umringt von Feldsalat mit Zwiebelringen und Kürbiskernöl. Beim Anschneiden zerfiel der Abschnitt in kleine Fleisch- und Gemüsewürfelchen – Absicht? Die ließen sich dann auf den Salatblättchen liegend verspeisen. Bestimmt Absicht, denn alles zusammen schmeckte wunderbar. Das Fleisch, der Sulz waren kräftig im Geschmack, die Gemüse hatten viel Aroma, alles war subtil und dennoch deutlich mit leichter Säure mariniert, dazu das hocharomatische Kürbiskernöl: große Klasse!
Genau so ging es weiter, bei meiner Frau mit Lachsforelle auf Sonnenblumenkerne-Reis mit Paprika, ich hatte Schweinsbackerl mit Paradeiser-Spitzkraut und Erdäpfelauflauf bestellt.
Die zwei Stücke Schweinbacken waren schieres, mageres Fleisch, auf den Punkt gegart, saftig und mit einer Schmorsauce übergossen. Ich nehme an, das Fleisch war leicht angepökelt. Das lange Marinieren im Salz- und Gewürzsud macht Fleisch zart und weich und keineswegs trocken. Ich habe letztens einige Kochexperimente mit gutem Erfolg damit gemacht und werde später ausführlich dazu schreiben.
Im Tomatenkraut waren auch getrocknete Tomaten verarbeitet, die meist schon etwas Salzigkeit mitbringen. Das und das gepökelte Backenfleisch brachten die Würze des ganzen Gerichts an die Grenze, aber nicht darüber hinaus, es war äußerst kräftig, aber nicht überwürzt.
Der Kartoffelauflauf stellte sich als Souffle heraus: perfekt in Konsistenz und Stand, herausragend der Kartoffelgeschmack.
Ich habe es schon nachzubacken versucht und berichte demnächst darüber.
Das Lachsforellenfilet auf dem Teller meiner Frau war ebenfalls perfekt, vom Geschmack des Sonnenblumenkern-Reis waren wir beide schlichtweg baff! Der Reis war aus verschiedenen Sorten gemischt, bissfest gegart, hatte ein wunderbares Aroma ohne den Reisgeschmack zu übertönen, da war kaltgepresstes Sonnenblumenkern-Öl im Spiel, vielleicht auch geröstete Kerne, irgendein orientalisches Gewürz – ich weiß es nicht, es war verblüffend und einfach perfekt!
Als Dessert hatte meine Frau den MAK Eiskaffee „Superior“, den sie wieder erfolgreich gegen ihren gierigen Mitesser verteidigte, ich nehme an, er war oberköstlich.
So etwas himmlisch samtig Cremiges wie meinen Nuss-Schmarren mit eingelegten Birnen habe ich zuvor noch nie gegessen. Mehr kann ich dazu nicht sagen und mit dem Nachkochen brauche ich gar nicht erst anzufangen.
Beim Wein hätte ich mich nicht vom Hauswein, einem mir zu dünnen Grünen Veltliner aus Krems oder dem etwas unausgeglichenen Welschriesling aus der Südsteiermark aufhalten lassen sollen, sonder hätte besser gleich zum Grünen Veltliner Weinviertel DAC 2007 von Ewald Gruber in Röschitz gegriffen. Immerhin 12 offene Weiß- und 11 offene Rotweine stehen auf der Karte.
Die Preise sind gemessen an der Leistung insgesamt sehr moderat. Der Service ist aufmerksam, sehr freundlich und kompetent.
Der Besuch bei Herrn Österreicher ist also Pflicht für jeden, der gern gut, unkompliziert und preiswert isst und irgendwie in die Nähe von Wien kommt. Besser, man fährt ganz gezielt dort hin, so wie ich, wenn ich noch mal den Nussschmarren genießen möchte. Und natürlich wegen der leckeren Kartoffeln.
- 3 Kommentare »
- Posted inweiteres, dies & das













































amFriday, 14. August 2009 um06:07 Uhr
Da hätte ich auch gerne den Sitz auf dem Ruderboot gegen einen Platz am Tisch im MAK vertauscht. Könnte man einen Kaiserschmarrenteig nach Rezept Oesterreicher mit gerösteten Walnüssen versetzen ?
amWednesday, 19. August 2009 um20:42 Uhr
Das Essen hat Euch dann ja für die Reinfälle entschädigt. Auf deine Nachkochberichte bin ich gespannt.
amThursday, 20. August 2009 um07:13 Uhr
Danke für den schönen Bericht.
Wiener Schnitzel sind immer seeehr dünn, 2mm wären nicht unüblich. Und der Preis ist ebenfalls im normalen Bereich, hier zahlt man im Schnitt mittlerweile fast überall 18 Euro …
Allerdings paßt dann auch die Beilage und die Pannade.
Bäckchen (egal ob vom Kalb, Rind oder Schwein) werden in der Regel nicht gepökelt